Geld und Beziehung: Experteninterview

"Schatz, lass uns über Geld reden"

Verhandelt werden muss in einer Paarbeziehung vieles – je mehr Alltag man miteinander teilt, umso mehr. Geld spielt bei alldem eine nicht unwesentliche Rolle. Aber darüber sprechen Paare nur ungern bis gar nicht. Paarberater Michael Mary beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit den Fallstricken in Beziehungen und ist der Meinung: Das ist grundfalsch.

Herr Mary, warum reden Paare so ungern über Geld?

Eine wesentliche Befürchtung ist, dass man dadurch die Liebe dämpfen würde. Die Frage ist allerdings, ob man Distanz schafft, indem man über Geld redet, oder ob man lediglich eine Distanz offenlegt, die sowieso besteht. Wer Angst hat, der Wahrheit über die Beziehung ins Gesicht zu sehen, der meidet das Thema Geld. Wer das Thema anpackt, bringt den Mut auf, die Beziehung so zu sehen, wie sie ist. Insofern kann man viele Ideen von Liebe und Beziehung im Kopf haben – aber was davon real trägt, was belastbar ist, das stellt sich oft erst heraus, wenn über Geld gesprochen wird.

Oft wird erst nach einer Trennung klar, wie wichtig es ist, auch über finanzielle Dinge zu sprechen.

Ja, keiner will eine Trennung. Dennoch scheint es naiv, sie für unmöglich zu halten. Die Hürde besteht oft darin, das böse Wort "Trennung" auszusprechen. Viele Paare scheuen es deshalb, eine Beziehung von ihrem Ende her zu denken. Diese Scheu wirkt jedoch überflüssig, wenn man sich klarmacht, dass das Leben ganz selbstverständlich vom Ende her gedacht wird – etwa indem eine Altersvorsorge geplant wird. Die verbreitete Überzeugung beim fahrlässigen Umgang mit Geld besagt: "Weil wir uns lieben, regeln wir unsere Geldangelegenheiten fair." Aus derselben Logik ergibt sich im Trennungsfall aber auch: "Weil wir uns nicht mehr lieben, brauchen wir uns nicht mehr fair zu verhalten." Eine Trennung ist schon schmerzlich genug – da hilft es, wenn man sich in finanzieller Hinsicht darauf vorbereitet hat.

Häufig wird dennoch beim Thema Geld gestritten. Wie kann man hier eine Lösung finden?

Die Lösungen dafür hängen davon ab, ob die Partner ihre Beziehung als gemeinsames Projekt definieren oder als Beziehung zweier unabhängiger Partner. Ersteres besteht in einer Lebensbegleitung oder einer Familiengründung. Dann versprechen Partner einander gegenseitige Fürsorge und Absicherung – in vielen Fällen mit gemeinsamer Kasse. Sind die Geldstile der Partner jedoch unvereinbar, kann ein drittes Konto helfen. Darauf zahlt jeder den gleichen oder einen vereinbarten Anteil ein, um grundlegende Ausgaben zu begleichen, während individuelle Anschaffungen Privatsache sind. Wer hingegen den Schwerpunkt seiner Bindung in der Unabhängigkeit der Individuen begreift, wird meistens getrennte Kassen bevorzugen.

Etliche Leistungen, die Paare in die Beziehung mit einbringen, sind schwer miteinander vergleichbar. Wie können Paare da gerecht miteinander umgehen?

Was einer zum Projekt beiträgt, muss in Art und Bedeutung dem Beitrag der Leistung des anderen entsprechen – nicht im durch Zahlen ausgedrückten Wert. Der einzig dazu taugliche Maßstab ist der Maßstab der Gleichartigkeit. Gleichartige Leistung bedeutet, um es sehr vereinfacht zu sagen, dass jeder sein Bestes gibt. Wenn jeder entsprechend seiner individuellen Möglichkeiten zum gemeinsamen Projekt beiträgt, gilt die Leistungsbilanz als ausgeglichen, weil auf diese Weise die persönliche Verfassung jedes Partners berücksichtigt wird.

Sollte Zusammenleben rechtlich geregelt werden?

Egal ob verheiratet oder nicht: Sobald man zusammenlebt, wird es zu tatsächlichen oder rechtlichen Verbindungen kommen, die im Nachhinein nur mühsam zu lösen sind. Deshalb sollte man Regelungen treffen und diese sollten nicht nur das gegenwärtige Zusammenleben, sondern grundsätzlich auch veränderte Lebensumstände (zum Beispiel, wenn Kinder kommen) und auf jeden Fall eine mögliche Trennung berücksichtigen. Eine Vereinbarung ist wie ein Vorrat: in guten Zeiten angelegt und für schlechte Zeiten gedacht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Regelungen zu treffen?

Es wird nie mehr so einfach sein, zu passenden Regelungen zu kommen, wie am Anfang einer Partnerschaft. Man regelt dann auf der Basis der gegenwärtigen guten Gefühle füreinander den Eventualfall. Es ist besser, solche Regelungen zu treffen, wenn man sich liebt, als später, wenn die Gefühle bereits zwiespältig sind oder sogar in Abneigung oder Hass umgeschlagen sind.

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